Angelikas Masern-Lüge

Auf dem Stuttgarter Impfsymposium durften viele prominente Impfgegner ihre Thesen zum Besten geben, so auch Angelika Müller. Sie ist die Gründerin der Initiative „Eltern für Impfaufklärung“, über die sie sonst ihre Meinung vertritt. In ihrem Vortrag mit dem Titel „Die Masern-Lüge“ äußert sie sich zur angeblichen Unwirksamkeit von Impfungen, wie es auch andere Impfgegner wie das Portal impfkritik.de tun. Wir möchten uns hier etwas genauer mit der Thematik auseinander setzen.

Frau Müller beschreibt durchaus korrekt die Wirkung einer Impfung, kommt aber dabei zu für uns völlig unnachvollziehbaren Schlüssen. Rufen wir uns also noch einmal kurz ins Gedächtnis, wie eine Infektion bzw. eine Impfung funktioniert: Ein Erreger wie z.B. das Masern-Virus dringt in den Körper ein und triggert eine Reaktion des Immunsystems. Dieser körpereigene Abwehrmechanismus tötet die Viren (wobei es zu allerlei körperlichen Begleiterscheinungen der Infektion sowie der Immunantwort wie Ausschlag und Fieber kommt). Gleichzeitig werden Antikörper gegen den Eindringling gebildet, sodass er beim nächsten Mal schneller erkannt und abgewehrt werden kann. Der Mensch wird dann u.U. nicht mehr krank. Die Impfung imitiert die Erstinfektion mit inaktivierten, also ungefährlichen, Viren. Die Reaktion des Immunsystems ist dieselbe (weshalb es auch hier zu Nebenwirkungen wie Fieber kommen kann) und es wird eine Immunität gegen die Infektion mit den echten Viren aufgebaut.

Nun ist eine Impfung kein Wunderheilmittel, sondern auf ein funktionierendes Immunsystem angewiesen. Es kann deshalb niemals von einem 100%igen Schutz ausgegangen werden. Frau Müller zitiert in ihrem Vortrag aus einem Beipackzettel, wo der Hersteller behauptet hat, dass zumindest das Vorhandensein von Antikörpern nach der Impfung garantiert ist. Das ist wissenschaftlich wohl eher nicht tragbar und vermutlich nach weiteren Untersuchungen, hat man diese Angabe leicht abgeschwächt, um hier auch rechtlich auf der sicheren Seite zu sein. Trotzdem sorgt eine Masern-Impfung zu über 90% für einen ausreichenden und langanhaltenden Schutz.

Frau Müller greift die Titer-Bestimmung als „Ersatzmessgröße“ für die Impfwirkung an. Natürlich braucht man eine Messmöglichkeit, um die Schutzwirkung einschätzen zu können. Man kann schließlich nicht jeden absichtlich mit Masern infizieren, nur um zu testen, ob er erkrankt. Der Titer, also die Menge an Antikörpern gegen das Masernvirus im Blut, gibt Hinweise darauf, wie gut die Antwort des Immunsystems gewesen ist und wie gut der Körper gegen eine erneute Infektion geschützt ist. Da man hier genauso wenig testweise Menschen mit verschiedenen Titern mit Masern infizieren kann, stützen sich Grenz- und Richtwerte auf Untersuchungen wie z.B. Impf-Erfolge während größeren Ausbrüchen. Dass die Ergebnisse hierbei großen Schwankungen ausgesetzt sind, ist verständlich aufgrund der beschränkten und unreproduzierbaren Studienvoraussetzungen. Es handelt sich also um eine erfahrungsbasierte Abschätzung des Erkrankungsrisikos, weshalb hier keine allgemeingültigen, verbindlichen Angaben, wie Frau Müller sie fordert, gemacht werden können. Dennoch ist der Titer unsere beste Messgröße für den Immunschutz.

Ob der Antikörper-Titer durch Impfung oder vorherige Masern-Erkrankung zustande gekommen ist, ist irrelevant. Die Reaktion auf eine neue Infektion hängt natürlich wiederum vom Immunsystem ab und die Krankheit kann trotzdem ausbrechen. Dennoch ist mit einem hohen Titer zumeist auch eine hohe Schutzwirkung gegeben, welche ungeimpften und nie an Masern erkrankten Menschen gänzlich fehlt.

Wie hoch ist nun also der Schutz? Die Impfgegner werfen gern mit hohen Zahlen um sich, wonach geimpfte trotzdem erkranken. Schauen wir uns also einmal ein paar offizielle Zahlen an. Das Robert Koch-Institut, die deutsche Überwachungszentrale für Infektionskrankheiten, hat folgende Zahlen für 2014 veröffentlicht: Von den 444 gemeldeten Masern-Fällen liegt bei 383 Fällen die Information über den Impfstatus vor. In 11 Fällen wurde eine Impfung zur Verhinderung der Ansteckung nach Kontakt mit Erkrankten gegeben. Diese kam wahrscheinlich zu spät, weshalb sich die Immunantwort nicht entfalten konnte. Wir nehmen diese Fälle hier aus der Betrachtung heraus, da sie eigentlich als ungeimpft gelten müssten.

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Es bleiben 372 Fälle, von denen 85% ungeimpft waren. Von den Geimpften hatten fast die Hälfte nur eine Impfung erhalten, über einen Teil der Geimpften liegen keine Angaben über Menge der Impfungen vor. Es gilt allgemein als Empfehlung zweimal gegen Masern zu impfen, um einen ausreichenden Schutz zu erreichen. Manchmal wird auch eine dritte Auffrischimpfung angeraten, für die allerdings bisher keine Notwendigkeit wissenschaftlich bewiesen wurde. Ohne Wissen über die Titer der Betroffenen ist es dennoch anzunehmen, dass diejenigen, die zwei Impfungen erhalten haben, einen höheren Impfschutz besitzen. Die 19 Fälle, die trotzdem an den Masern erkrankten, machen nur 5% der Erkrankungen aus, bei denen der Impfstatus bekannt war.
Noch einmal: Es gibt keinen 100%igen Schutz. Es werden auch Frauen schwanger, die die Pille nehmen. Genauso kann das Immunsystem trotz Impfung versagen. Natürlich gibt es keine Zahlen darüber, wie viele Geimpfte mit dem Masernvirus in Kontakt kamen und gesund blieben, also einen wirksamen Impfschutz hatten. Die 19 Fälle sind hier wahrscheinlich ein winziger Bruchteil. Genauso wenig wissen wir darüber, wie die Krankheit verlaufen ist und ob die Immunisierung der Impfung hier vielleicht trotz allem die Beschwerden gemindert hat.
Ein Punkt, der Angelika Müller sehr wichtig ist, ist die Ansteckungsgefahr durch symptomfreie Erkrankungen. Das ist der Fall, wenn eine Immunisierung zwar den Ausbruch der Krankheit verhindern kann, das Virus sich aber trotzdem zeitweise vermehren und weiter verbreiten kann. Es ist anzunehmen, dass dies bei unzureichendem Antikörper-Titer im Blut passieren kann. Dieser kann als Folge einer schlechten Immunantwort nach Impfung oder vorheriger Infektion auftreten. Frau Müller behauptet, dass dies die häufigste Form der Masern ist. Dazu gibt es keine Quellen und typische Krankheits- und Epidemieverläufe lassen darauf schließen, dass dies nicht der Fall ist.
In ihrem Vortrag präsentiert Frau Müller die Antwort des Robert Koch-Instituts auf ihre Anfrage, wie das Infektionsrisiko von symptomfrei Erkrankten einzuschätzen ist. Die Antwort lautet, dass es dazu keine Studien gibt, weil sie nicht durchführbar sind. Frau Müller bezeichnet das als Humbug und behauptet, dass solche Untersuchungen nicht schwer sind. Unsere Frage an Frau Müller: Wie sollte eine solche Studie ihrer Meinung nach Aussehen? Und nach welchen rechtlichen und ethischen Gesichtspunkten könnten Sie die Durchführung rechtfertigen? Wollen Sie einen Teil der Bevölkerung zur regelmäßigen Blutuntersuchung (zur Titer-Bestimmung) verdonnern und die Menschen dann willkürlich mit Masern infizieren, um die klinisch gesund wirkenden Erkrankten zu bestimmen?
Frau Müller ist außerdem besorgt, dass Geimpfte mit niedrigem Titer als unansteckend behandelt werden. Ja, dass diese sogar im Falle einer Masernerkrankung in der Klasse weiterhin zur Schule gehen dürfen (im Gegensatz zu den Ungeimpften), wo sie durch mögliche symptomfreie Masern die weitere Ausbreitung verursachen.

Zunächst einmal dient der Schulausschluss von ungeimpften Kindern im Falle einer Masernerkrankung in der Schule vor allem dem eigenen Schutz der Kinder. Ungeimpfte haben schließlich eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit der Ansteckung, wenn sie mit dem Virus in Kontakt kommen. Gehen wir nun von einem 95%igen Impferfolg aus, gibt es in einer Klasse vielleicht einen Schüler, der einen zu geringen Titer hat. Dieser könnte nun durchaus krank werden. Im Falle von Symptomfreiheit hat die Impfung dennoch ihre Aufgabe zum Schutz des Schülers erfüllt. Wenn alle anderen in seiner Umgebung über einen ausreichenden Impfschutz verfügen, geht von ihm selbst nur ein sehr geringes Risiko aus und die Ausbreitung kann gestoppt werden.

Auch hier könnte man natürlich durch regelmäßige massenhafte Bluttests den Titer als Kriterium dafür festlegen, wer zu Hause bleiben muss. Aber an den Titer als Messwert glaubt Frau Müller ja eigentlich gar nicht. Deshalb fragen wir uns, was sie vorschlägt, wie die Schulen verfahren sollten, um eine Epidemie zu verhindern.

Zu guter Letzt noch ein paar Worte zum Ende des Vortrags und die Fehlinformation von impfkritik.de: Es wird behauptet, dass eine Masernerkrankung mit Vitamin A behandelt werden soll, dass Fieber nicht gesenkt werden sollte, dass Hygiene gegen Masern hilft, dass ein gutes Immunsystem und ein gesunder Lebensstil wichtig sind.

Es ist nicht falsch, dass unsere gute Hygiene dafür gesorgt hat, dass auch stark ansteckende Krankheiten (wie z.B. die Grippe, wogegen vergleichsweise wenig geimpft wird) nicht mehr gleich die gesamte Stadt niederstrecken. Dennoch können sich Viren auch bei uns gut verbreiten und einmal eingefangen hilft Waschen nicht gegen den Ausbruch der Krankheit.

Natürlich ist ein gutes Immunsystem wichtig, um gegen Infektionen anzukämpfen. Auch die Schutzwirkung einer Impfung ist vom reibungslosen Funktionieren des Immunsystems abhängig. Ohne Impfung bewahrt aber kein noch so gutes Immunsystem vor einer Ansteckung.

Ja, die Behandlung mit Vitamin A bei einer Masernerkrankung wird von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen und ja, Fieber ist eine notwendige Reaktion des Immunsystems auf die Infektion und sollte deshalb nur gesenkt werden, wenn es für den Erkrankten gefährlich wird. Beide Aussagen sind aber nur im Falle des Ausbruchs der Krankheit von Bedeutung. Sie bieten jedoch keinen Schutz vor der Ansteckung wie es eine Impfung tut und können deshalb nicht als Alternative angeführt werden.

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